Unterbrechungs-Ute
Unterbrechungen als Fehlerquelle

Unterbrechungs-Ute

"Nur kurz..."

Der Ping-Pong-Pieper ist der unsichtbare Saboteur in jedem stressigen Arbeitsumfeld – besonders dort, wo es um Leben und Tod geht. Stell dir vor, du bist mitten in einer komplexen Notfallbehandlung, das Adrenalin pumpt, jede Sekunde zählt. Und dann: Piep. Eine Nachricht, ein Anruf, ein Kollege, der „nur kurz“ etwas fragt. Dein Gehirn vollzieht einen abrupten Schwenk – weg von der kritischen Entscheidung, hin zur neuen Reizquelle. Was wie eine harmlose Unterbrechung wirkt, ist in Wahrheit ein kognitiver Tsunami: Studien zeigen, dass selbst minimale Ablenkungen das Arbeitsgedächtnis überlasten und die Fehlerquote in die Höhe treiben.

Stephen Hearns beschreibt dieses Phänomen in Peak Performance under Pressure als „Back Pressure“ – den unsichtbaren Gegendruck, der entsteht, wenn Unterbrechungen die natürliche Fließfähigkeit von Denkprozessen stören. Besonders tückisch ist, dass das Gehirn nach jeder Störung nicht einfach nahtlos weitermacht. Stattdessen braucht es Zeit, um den ursprünglichen Kontext wiederherzustellen – Zeit, die im Notfall oft nicht da ist. Hearns vergleicht es mit einem Hubschrauberpiloten, der bei der Landung auf einem Rettungsdach plötzlich durch Funkmeldungen abgelenkt wird: Die Maschine mag weiterfliegen, aber der Pilot verliert wertvolle Sekunden, um sich neu zu orientieren. Im medizinischen Alltag bedeutet das: Jede Unterbrechung erhöht das Risiko, dass entscheidende Details übersehen werden – sei es die Dosierung eines Medikaments oder die Interpretation eines EKG-Befunds.

Doch der Ping-Pong-Pieper ist kein unbesiegbarer Gegner. Hearns betont, dass Hochleistungsteams gezielt „Druckkontrollmechanismen“ entwickeln müssen, um Unterbrechungen zu kanalisieren. Dazu gehört etwa die klare Trennung von Fokus- und Kommunikationsphasen – ähnlich wie im Crew Resource Management (CRM) der Luftfahrt, wo „sterile Cockpit“-Regeln während kritischer Flugphasen gelten. Im OP oder auf der Intensivstation könnte das bedeuten: Handys auf lautlos, nur dringende Anfragen werden durch eine:n designierte:n Koordinator:in gefiltert. Der Schlüssel liegt darin, Unterbrechungen nicht als lästige Störfaktoren zu sehen, sondern als systemische Schwachstelle, die es aktiv zu managen gilt. Denn am Ende geht es nicht nur um Effizienz – sondern darum, dass Patient:innen nicht unter den Folgen eines zersplitterten Denkens leiden müssen.

Sekunde, ich muss eben...

📖 Interruptions als Back Pressure (Kap. 3)