Tunnelblick-Torsten
Fehlende Selbstreflexion

Tunnelblick-Torsten

"Ich weiß, was ich tu"

Der Tunnelblick-Troll ist der ungebetene Gast in jedem Notfallteam – ein hartnäckiger Begleiter, der sich gerade dann breitmacht, wenn die Situation am kritischsten ist. Sein Markenzeichen? Eine fast schon groteske Weigerung, die Realität anzuerkennen, selbst wenn sie einem ins Gesicht springt. Der Monitor zeigt ein flimmerndes Kammerflimmern? "Stabil!" Der Kollege warnt vor einer drohenden Hypoglykämie? "Das ist nur ein Artefakt." Der Tunnelblick-Troll ist kein dummes Monster, im Gegenteil: Er ist ein Produkt unserer eigenen kognitiven Mechanismen, die unter Stress plötzlich versagen. Stephen Hearns beschreibt in Peak Performance under Pressure genau dieses Phänomen als "Task Fixation" – eine gefährliche Fixierung auf die vermeintliche Lösung, die alle anderen Informationen ausblendet. Plötzlich zählt nur noch das, was ins eigene Schema passt, während Warnsignale, alternative Diagnosen oder sogar offensichtliche Fehler ignoriert werden.

Besonders perfide ist, dass der Tunnelblick-Troll nicht nur die Wahrnehmung verzerrt, sondern auch die Metakognition ausschaltet – also die Fähigkeit, das eigene Denken zu hinterfragen. Hearns betont, dass gerade in Hochdrucksituationen die Selbstreflexion oft als Erstes leidet. Statt zu fragen "Was übersehe ich hier?" oder "Könnte es auch anders sein?", wird der Tunnelblick-Troll zum stummen Diktator der Entscheidungen. Die Folgen sind fatal: Fehldiagnosen, verzögerte Therapien oder sogar katastrophale Behandlungsfehler. Besonders riskant wird es, wenn der Troll mit anderen Stressfaktoren wie Zeitdruck oder Teamkonflikten interagiert – dann verwandelt sich die "Inattentional Blindness" (die Unfähigkeit, Unerwartetes wahrzunehmen) in eine echte Bedrohung für Patient:innen. Hearns’ Buch zeigt, dass dieser Mechanismus kein Zeichen von Inkompetenz ist, sondern ein universelles Phänomen, das selbst erfahrene Profis trifft – wenn sie nicht gezielt gegensteuern.

Die gute Nachricht? Der Tunnelblick-Troll ist kein unbesiegbarer Dämon. Hearns verweist auf Strategien wie strukturierte Debriefings, Simulationstraining oder die bewusste Einbindung von Teammitgliedern als "kognitive Redundanz". Der Schlüssel liegt darin, die Metakognition zu trainieren – also das eigene Denken regelmäßig zu hinterfragen, bevor der Troll die Kontrolle übernimmt. Ein einfacher Satz wie "Was wäre, wenn ich falsch liege?" kann schon reichen, um den Tunnelblick zu durchbrechen. Doch dazu muss man ihn erst einmal erkennen – und das ist oft die größte Hürde. Denn der Troll flüstert einem ja gerade ein: "Ich weiß, was ich tu."

Das ist nur ein Artefakt.

📖 Task Fixation / fehlende Metakognition (Kap. 2)