Schuld-Schorsch
Blame Culture

Schuld-Schorsch

"Wer war das?!"

Der Blame-Blitz ist kein gewöhnlicher Sturm – er fegt nicht mit Donner und Blitz durch den Raum, sondern mit gezielten Vorwürfen und eisiger Stille. Plötzlich geht es nicht mehr um das Problem, sondern darum, wer es verursacht hat. Diese Kultur des Schuldzuweisens ist wie ein unsichtbarer Brandbeschleuniger: Sie erstickt jeden Ansatz von Lernen im Keim, weil Fehler nicht als Chance, sondern als persönliches Versagen gelten. Teams, die in einer solchen Atmosphäre arbeiten, entwickeln eine fast schon pathologische Vorsicht – Fehlermeldungen sinken nicht, weil alles perfekt läuft, sondern weil niemand mehr den Mund aufmacht. Wer würde schon freiwillig die Zielscheibe für den nächsten Vorwurf sein?

Stephen Hearns beschreibt in Peak Performance under Pressure, wie Blame Culture genau diese Dynamik fördert: Statt psychologische Sicherheit zu schaffen, in der Teammitglieder offen über Unsicherheiten sprechen können, wird Druck durch Angst ersetzt. Das Ergebnis? Eine lähmende Stille, in der kritische Informationen zurückgehalten werden – mit potenziell fatalen Konsequenzen, besonders in Hochrisikobereichen wie der Notfallmedizin. Hearns betont, dass echte Höchstleistung nur in einer Kultur möglich ist, die Fehler als Teil des Prozesses akzeptiert. Doch wo der Blame-Blitz regiert, wird aus einem einfachen Irrtum schnell ein Karriereknick – oder schlimmer: ein Patientenschaden, der vermeidbar gewesen wäre.

Das Fatale am Blame-Blitz ist seine Selbstverstärkung: Je mehr Schuldzuweisungen fallen, desto mehr ziehen sich Teammitglieder zurück. Hearns verweist auf das Konzept des Crew Resource Management (CRM), das in der Luftfahrt längst bewiesen hat, dass offene Kommunikation Leben rettet. Doch in einer Blame Culture wird CRM zur Farce – wer würde schon zugeben, dass er überfordert ist, wenn er dafür später als „schwach“ dasteht? Der Blame-Blitz ist kein Naturgesetz, sondern ein kulturelles Konstrukt. Und wie jedes Konstrukt lässt er sich auch wieder abbauen – wenn man bereit ist, den ersten Schritt zu tun: den Finger vom Abzug der Schuldzuweisungen zu nehmen.

Das schreibe ich auf.

📖 Just Culture & psychologische Sicherheit (Kap. 4)